GROßBRITANNIEN – Die neue britische Außenpolitik – Thierry Meyssan – voltairenet.org – 23.07.16

Veröffentlicht: Juli 23, 2016 in China, EUROPA, Ferner Osten, Israel, Pakistan Politik, Russland, USA
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Die neue britische Außenpolitik

Die westliche Presse wiederholt andauernd: beim Verlassen der Europäischen Union haben sich die Briten vom Rest der Welt isoliert und müssen die fürchterlichen wirtschaftlichen Konsequenzen verkraften. Jedoch der Rückgang des Pfund Sterling könnte ein Vorteil im Commonwealth sein, eine größere Familie als die Union und auf sechs Kontinenten präsent. Die pragmatische City könnte schnell das Weltzentrum des Yuan werden und die chinesische Währung selbst innerhalb der Union einführen.

| Damaskus (Syrien) | 4. Juli 2016

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Elisabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland, Antigua und Barbuda, von Australien, den Bahamas, Barbados, Belize, Kanada, Granada, Solomon Inseln, Jamaika, Neuseeland, Papua Neuguinea, Saint Kitts und Nevis, St. Vincent und die Grenadinen, St. Lucia und Tuvalu.

Die Vereinigten Staaten bleiben besorgt über ihre Fähigkeit, die Europäische Union überzeugen zu können, sich aktiv an der NATO zu beteiligen und sind besorgt über die Bereitschaft des Vereinigten Königreichs, das militärische Bündnis, das sie ab 1941 gebaut haben, beizubehalten, um die Welt zu beherrschen. Trotz der Behauptungen der europäischen Staatschefs, isoliert der Brexit das Vereinigte Königreich nicht, sondern gestattet ihm, sich wieder dem Commonwealth zuzuwenden und Kontakte mit China und Russland aufzunehmen.

Die Unterstellung der Europäer in der NATO

Die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich hatten geplant, die Mitglieder der Union dazu zu bringen, die Zunahme ihres Militärhaushaltes auf 2 % des BIP während dem NATO Gipfel in Warschau (8. und 9. Juli) bekannt zu geben. Darüber hinaus sollte ein Plan der Entsendung von Truppen an die russischen Grenze angenommen werden, einschließlich der Schaffung einer der NATO und der EU gemeinsamen Logistikeinheit, welche ermöglicht, Hubschrauber, Schiffe, Drohnen und Satelliten zusammen zu legen.

Das Vereinigte Königreich war bisher der wichtigste Beitrag zur Verteidigungs- Union mit fast 15 % ihres Verteidigungs-Haushalts. Darüber hinaus befahl es die Operation Atalante, die Sicherung der Schifffahrt vor der Küste am Horn von Afrika und hatte im Mittelmeer Schiffe zur Verfügung gestellt. Letztlich war vorgesehen, dass es Truppen für die Schaffung der EU Battle Group bereitstellen würde. Mit dem Brexit verfallen alle diese Verpflichtungen.

Für Washington ist die Frage zu wissen, ob London akzeptiert, die Direktinvestitionen in die NATO zu erhöhen, — für die es bereits der zweitgrößte Beitrag ist — um auszugleichen, was es in der EU tat, aber ohne besonderen Profit daraus zu schlagen. Obwohl Michael Fallon, der aktuelle britische Verteidigungsminister, versprach, die gemeinsamen Bemühungen der NATO und der EU nicht zu untergraben, sieht niemand, warum London zustimmen würde, frische Truppen unter ein fremdes Kommando zu stellen.

Deshalb hinterfragt Washington vor allem den Willen von London, das Militärbündnis weiterzuführen, das es mit der Krone seit 1941 errichtet hat. Natürlich sollte nicht ausgeschlossen werden, dass der Brexit eine Inszenierung der Briten sein könnte, um ihre „besondere Beziehung“ mit den „Amerikanern“ zu ihrem Vorteil neu zu verhandeln. Jedoch ist es viel wahrscheinlicher, dass London hofft, seine Beziehungen in Peking und Moskau zu erweitern, ohne die Vorteile seiner Vereinbarung mit Washington aufzugeben.

Die angelsächsischen geheimen Agenturen

Während des zweiten Weltkriegs und noch vor ihrem Eintritt in diesen Krieg unterzeichneten die Vereinigten Staaten mit dem Vereinigten Königreich einen Pakt, der durch die Atlantik-Charta festgelegt ist [1]. Es ging für die beiden Länder darum, sich zu vereinen, um den freien Schiffsverkehr zu gewährleisten und den Freihandel zu erweitern.

Dieses Bündnis wurde mit der Genehmigung der „fünf Augen“ verwirklicht, die derzeit die grundlegende Zusammenarbeit zwischen 17 verschiedenen Geheimdiensten von 5 Staaten bestimmt (die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich und drei weitere Mitglieder des Commonwealth: Australien, Kanada und Neu Seeland).

Die von Edward Snowden offenbarten Dokumente bescheinigen, dass das Echelon-Netzwerk in seiner jetzigen Form „eine supranationale Geheimdienst-Agentur ist, die den Gesetzen der eigenen Mitgliedstaaten nicht entspricht“. So konnten die „fünf Augen“ sowohl Persönlichkeiten, wie den Generalsekretär der Vereinten Nationen oder die deutsche Bundeskanzlerin ausspionieren und eine massive Überwachung von ihren eigenen Staatsangehörigen organisieren.

In ähnlicher Weise gründeten die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich 1948 eine zweite supranationale Agentur, das Büro von Sonderprojekten (Office of Special Projects), welches die stay behind Netzwerke der NATO, bekannt als der Gladio, steuert.

Professor Daniele Ganser hat gezeigt, dass dieses Amt viele Staatsstreiche und terroristische Operationen in Europa organisiert hatte [2]. Wenn in einem ersten Schritt festgestellt wurde, dass die „Strategie der Spannung“ darauf abzielte, das mit demokratischen Mitteln an die Machtkommen von kommunistischen Regierungen in Europa zu verhindern, schien es, dass es in erster Linie Angst vor dem Kommunismus einflössen sollte und ausgerichtet war, den angelsächsischen militärischen Schutz zu rechtfertigen. Neue freigegebene Dokumente zeigten, dass dieses Gerät außerhalb Europas für die arabische Welt existiert [3].

Schließlich schufen die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich und Australien im Jahr 1982 eine dritte supranationale Behörde, deren Pseudo-NGOs – das NED und vier Tochtergesellschaften: die ACILS, CIPE, NDI und IRI – den sichtbaren Teil bilden [4]. Sie hat sich auf die Organisation von Staatsstreichen spezialisiert, die als «Revolution» dargestellt werden.

Zwar gibt es eine beeindruckende Literatur über diese drei Programme, aber nichts ist bekannt über die supranationalen Organisationen, die sie regieren.

Die „besondere Beziehung“

Die Vereinigten Staaten, die sich durch die Trennung von der Krone als unabhängig deklarierten, haben sich mit dem Vereinigten Königreich erst am Ende des 19. Jahrhunderts versöhnt („Große Annäherung“). Die beiden Staaten vereinten sich während des Krieges gegen die Spanier in Kuba und dann für ihre kolonialen Handelsniederlassungen in China. Das ist der Zeitpunkt, als Washington für sich eine imperialistische Berufung entdeckt. 1902 wurde ein transatlantischer Club gegründet, die Pilgergesellschaft (The Pilgrims Society), um die neu gewonnene Freundschaft zu besiegeln. Sie wird traditionell von dem englischen Monarchen geleitet.

Die Versöhnung wurde im Jahre 1917 mit der gemeinsamen Gründung eines jüdischen Staates in Palästina besiegelt [5]. Und die Vereinigten Staaten gingen in den Krieg auf der Seite des Vereinigten Königreichs. Seitdem teilen die beiden Staaten verschiedene militärische Mittel, später auch die Atombombe. Washington verweigerte jedoch bei der Erstellung des Commonwealth daran Teil zu nehmen, da es sich London gegenüber als gleichwertig einschätzt.

Trotz einiger Scharmützel während der britischen Angriffe gegen Ägypten (Suez-Kanal) oder gegen Argentinien („Falklandkrieg“) oder noch während des amerikanischen Angriffs auf Grenada, haben sich die beiden Mächte immer eng unterstützt.

Die Krone garantierte die Finanzierung von Barack Obama im Jahr 2008 seit dem Beginn der Wahlkampagne mit einem großzügigen Beitrag über den britisch-irakischen Waffenhändler Nadhmi Auchi. In seiner ersten Amtszeit waren eine große Anzahl von direkten Mitarbeitern des neuen Präsidenten heimliche Mitglieder der Pilger Gesellschaft, deren US-Abteilung damals von Timothy Geithner geleitet wurde. Aber Präsident Obama trennte sich allmählich von ihnen und gab der Krone den Eindruck, dass sie nicht belohnt wurde. Die Dinge verschlechterten sich mit seinen bissigen Bemerkungen gegen David Cameron in The Atlantic [6] und der Besuch der Ehegatten Obama zum Geburtstag von Königin ElizabethII. hat die Sache auch nicht einrenken können.

Das Commonwealth

Durch das Loslösen von der Union und dem Abstandnehmen von den Vereinigten Staaten ist das Vereinigte Königreich absolut nicht isoliert, sondern kann wieder seine Trumpfkarte spielen: das Commonwealth.

Wir haben völlig vergessen, dass Winston Churchill im Jahre 1936 die Idee hatte, die derzeitigen Staaten der Europäischen Union dem Commonwealth einzuverleiben. Sein Vorschlag kollidierte mit dem Aufstieg der Gefahren und dem Weltkrieg. Es war erst nach dem Sieg, als der gleiche Churchill die Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“ ins Leben rief [7] und die Konferenz der Europäischen Bewegung in Den Haag einberief [8].

Das Commonwealth ist eine Organisation von 53 Mitgliedstaaten, die nur eine Politik für englische Basiswerte hat: rassische Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte gegenüber der „Staatsraison“. Jedoch bietet es seinen Mitgliedern an, Geschäfte und Sport zu entwickeln. Darüber hinaus stellt es Experten in allen Bereichen zur Verfügung.

Königin Elizabeth II., Herrscherin von 16 Mitgliedstaaten, ist Oberhaupt des Commonwealth (nicht-erblicher Wahltitel).

Was wollen die Briten?

Von London aus betrachtet, sind es die Vereinigten Staaten, die die „besondere Beziehung“ gebrochen haben, indem sie der Hybris der unipolaren Welt verfallen sind und ihre Außen- und Finanzpolitik allein führen. Und das zu einem Zeitpunkt, wo sie aufgehört haben, die führende Wirtschaftsmacht der Welt und die erste konventionelle militärische Macht zu sein.

Von da ab sind die Interessen des Vereinigten Königreichs nicht mehr „alle Eier in den selben Korb zu legen“ sondern die mit Washington gemeinsamen Instrumente zu behalten und sich auf das Commonwealth zu stützen und neue Beziehungen zu Peking und Moskau zu knüpfen, entweder direkt oder über die Organisation der Zusammenarbeit von Shanghai (OCS).

Insbesondere am Tag des Brexit akzeptierte das OCS zwei Mitglieder des Commonwealth, Indien und Pakistan, das OCS, das bis jetzt noch kein solches Mitglied aufgenommen hatte [9].

Wenn man auch nichts von den Kontakten weiß, die das Vereinigte Königreich schon mit Russland aufgenommen hat, kann man wohl seine Annäherung an China beobachten.

Letzten März enthüllte der London Stock Exchange, der die Börsen der City und Mailand verwaltet, die geplante Fusion mit der Deutschen Börse, die die Frankfurter Wertpapierbörse, die Ausgleichskammer Clearstream und den Eurex betreibt. Es war geplant, dass die beiden Unternehmen gleich nach dem Referendum zum Brexit über die Operation entscheiden. Diese Ankündigung war umso verwunderlicher, da die europäischen Verordnungen formell diesen Vorgang verbieten, welcher der Schaffung einer „marktbeherrschenden Stellung“ gleich käme. Die Ankündigung setzte daher voraus, dass beide Unternehmen den Abtritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union vorwegnehmen.

Darüber hinaus kündigte der London Stock Exchange eine Vereinbarung mit dem China Foreign Exchange Trade Systems (CFETS) an und wurde im Juni die erste Börse der Welt, welche chinesische Staatsanleihen anbietet. Alle Faktoren waren also vereint, um aus der City das chinesische Trojanische Pferd in der europäischen Union auf Kosten der US-amerikanischen Vorherrschaft zu machen.

Übersetzung
Horst Frohlich

[1] “The Atlantic Charter”, by Franklin Delano Roosevelt, Winston Churchill, Voltaire Network, 14 August 1941.

[2] Nato’s Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe, Daniele Ganser, Cass, London, 2004.

[3] America’s Great Game: The CIA’s Secret Arabists and the Shaping of the Modern Middle East, Hugh Wilford, Basic Books, 2013.

[4] « La NED, nébuleuse de l’ingérence „démocratique“ », „NED, das legale Schaufenster der CIA“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Оdnako (Russland) , Voltaire Netzwerk, 22. Juni 2004 und 11. Oktober 2013.

[5] „Wer ist der Feind?“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 5. August 2014.

[6] “The Obama Doctrine”, by Jeffrey Goldberg, The Atlantic (USA) , Voltaire Network, 10 March 2016.

[7] “Winston Churchill speaking in Zurich on the United States of Europe”, by Winston Churchill, Voltaire Network, 19 September 1946.

[8] „Die geheime Geschichte der Europäischen Union“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Sabine, Voltaire Netzwerk, 9. Juli 2004.

[9] „Indien und Pakistan treten am Tag des Brexit der Shanghai-Gruppe bei“, von Alfredo Jalife-Rahme, Übersetzung Horst Frohlich, La Jornada (Mexiko) , Voltaire Netzwerk, 2. Juli 2016.

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